Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Kreisverband Wartburgkreis

Perspektive von Jugendlichen verstehen

Isabell Gall vom ADFC Sachsen betreut das Projekt Schulweg.Aktiv. Im Interview erklärt sie, warum Jugendliche das Fahrrad selten auf dem Schulweg nutzen und welche Maßnahmen sie sich für mehr Sicherheit wünschen.

Eine Frau im Portrait.
Isabell Gall vom ADFC Sachsen betreut das Projekt Schulweg.Aktiv. © Isabell Gall

Gemeinsam mit dem Landratsamt Mittelsachsen untersuchte der ADFC Sachsen im Projekt Schulweg.Aktiv, wie Schülerinnen und Schüler zur Schule kommen. Dafür bewerteten 1.878 Jugendliche der Klassenstufen fünf bis zwölf ihre Schulwege. Mit einem Verkehrsplaner analysierten Jugendliche an drei Modellschulen zudem Probleme auf dem Schulweg und diskutierten ihre Verbesserungsvorschläge mit Eltern und Verwaltung.

Isabell Gall ist Referentin für Radverkehr in ländlichen Räumen beim ADFC Sachsen und betreut das Projekt. Sie erklärt, warum Jugendliche das Fahrrad selten auf dem Schulweg nutzen und welche Maßnahmen sie sich für mehr Sicherheit wünschen.

Die Studie zeigt, dass Jugendliche in ihrer Freizeit gerne und viel Rad fahren, es aber kaum für den Schulweg nutzen. Woran liegt das?

Das hat im Wesentlichen zwei Gründe: Die Länge des Schulwegs und das Sicherheitsgefühl. Knapp die Hälfte der befragten Jugendlichen haben angegeben, dass ihre Schulwege länger als sechs Kilometer sind. Zusammen mit der anspruchsvollen Topografie in Mittelsachsen ist das für viele zu weit. Wir wissen aus anderen Studien, dass Wege zwischen zwei und sechs Kilometern ideale Fahrraddistanzen sind, aber eben nur, wenn eine geeignete Infrastruktur vorhanden ist. Da sind wir beim Thema Sicherheit und Sicherheitsgefühl. Ein Drittel der Jugendlichen sagt, dass sie das Rad für den Schulweg nicht nutzen: Sie empfinden ihn als gefährlich und es fehlen ihnen die Radwege. Selbst wenn sie in einer Gruppe fahren würden, wäre ihr Schulweg von Stress und Angst geprägt. Die Fahrt mit Bus und Bahn hingegen empfinden sie als entspannt – und sie können miteinander quatschen.

Erwachsene planen den Schulweg von Kindern und Jugendlichen. Welche Gefahren erleben Jugendliche auf ihrem Schulweg und gibt es Unterschiede in der Wahrnehmung, was gefährlich ist?

Der Hauptunterschied liegt in der Perspektive: Für junge Menschen sind soziale Erlebnisse und Interaktion ganz wichtig, aber auch die unmittelbare Wahrnehmung, wenn sie sich für einen Weg entscheiden. Erwachsene Menschen hingegen sind pragmatisch und wählen meist den direkten Weg. Sie achten weniger auf das Drumherum. Wo sich Erwachsene und junge Menschen ziemlich einig sind, ist, dass große, vielbefahrene Straßen und schneller motorisierter Verkehr gefährlich sind und auch so wahrgenommen werden. Unterschiede gibt es wiederum in der Wahrnehmung von Geschwindigkeiten. Tempo 50 zum Beispiel wirkt auf junge Menschen sehr viel schneller als auf einen Erwachsenen, der mehr Erfahrungen im Straßenverkehr hat. Trotzdem sind Tempo 30-Zonen für junge Menschen oft sehr herausfordernd: Dort gibt es häufig Rechts-vor-Links-Kreuzungen, an denen sie sich darauf verlassen müssen, dass das Gegenüber die Regeln einhält. Außerdem berichteten die Jugendlichen, dass sie durch parkende Autos oder Bäume Kreuzungen oft nicht gut einsehen können und sich dadurch unsicher fühlen. Dabei spielt ihre Körpergröße und damit die Perspektive, aus der sie den Straßenverkehr wahrnehmen, eine entscheidende Rolle. Erschreckend: Für Jugendliche ist es ganz normal, dass sich Autofahrende nicht hundertprozentig an Verkehrsregeln halten, dass sie zu schnell oder bei Rot noch über die Kreuzung fahren.

Welche Maßnahmen wünschen sich Jugendliche für mehr Sicherheit?

Ganz entscheidend sind für sie Klarheit und Übersichtlichkeit. Selbsterklärende Kreuzungen mit freien Sichtachsen, bei denen klar ist, wer hat Vorrang und wer sich wann wie bewegt. Wichtig dabei ist, dass die Sichtachsen aus der Perspektive kleinerer Menschen frei sind. Die Jugendlichen wünschen sich, dass das Verkehrsaufkommen im Umfeld der Schule und auf ihren Schulwegen reduziert wird, dass langsamer gefahren wird und auch, dass keine Lkws im direkten Schulumfeld unterwegs sind. Sie wünschen sich eher Ampeln als Zebrastreifen beim Überqueren der Straßen, da sie das Gefühl haben, dass Ampeln den Verkehr klarer regeln. Häufig genannt wurden auch regelmäßige Kontrollen – vor allem in Form von Blitzern.

Das deckt sich in Teilen mit der Forderung des ADFC nach einer fehlerverzeihenden Infrastruktur. So können sich auch junge Menschen im Straßenverkehr ganz intuitiv bewegen und werden gleichzeitig geschützt. 

Das Projekt bindet Jugendliche aktiv ein und stellt ihre Erfahrungen sowie ihre Wünsche in den Mittelpunkt. Warum ist es wichtig, Jugendliche einzubeziehen?

Radverkehrsplanung wird von Erwachsenen gemacht. Auch politische Entscheidungen werden von Erwachsenen getroffen. Damit wir die Umwelt und den Straßenverkehr darauf ausrichten können, dass die schwächeren Verkehrsteilnehmenden – und dazu gehören Jugendliche – geschützt werden, müssen wir mit ihnen reden. Wir müssen ihre Perspektive verstehen: Wie nehmen sie die gebaute Umwelt und den Straßenverkehr wahr? Was wünschen sie sich? Demokratie lebt ganz elementar davon, dass Menschen sich mit ihren unterschiedlichen Sichtweisen einbringen und mitgestalten können. Nur so kommen wir zu einer Umwelt, in der wir uns alle gesehen und wohl fühlen können – und letztlich auch alle Verkehrsmittel gleichberechtigt in die Planung integriert werden können.

Ein Ergebnis des Projekts sind Vorschläge für Maßnahmen, damit die Kommunen die Schulwege verbessern können. Wurden hier bereits etwas umgesetzt?

Umfrage für Kinder und Jugendliche: Wie ist das Radfahren vor Ort?

ADFC-Fahrradklima-Test für Jugendliche: Ab 1. September mitmachen!


Werde ADFC-Mitglied!

Unterstütze den ADFC und die Rad-Lobby, werde Mitglied und nutze exklusive Vorteile!

  • exklusive deutschlandweite Pannenhilfe
  • exklusives Mitgliedermagazin als E-Paper
  • Rechtsschutzversicherung
  • Vorteile bei vielen Kooperationspartnern
  • und vieles mehr

Dein Mitgliedsbeitrag macht den ADFC stark!

Zum Beitrittsformular
https://wartburgkreis.adfc.de/neuigkeit/perspektive-von-jugendlichen-verstehen

Bleiben Sie in Kontakt